Ihre Organisation hat kein Wissensproblem. Sie hat ein Mutproblem.
Ich kenne kaum eine Organisation, die zu wenig weiß. Strategiepapiere, Tabellen mit unzähligen Kennzahlen, Workshops, KI-Antworten in Sekunden… Wissen ist in unserer heutigen Zeit kein Engpass mehr.
Trotzdem sitze ich immer wieder in Meetings, in denen dasselbe Thema zum dritten, vierten, fünften Mal auf der Agenda steht. Alle kennen es. Alle haben eine Meinung dazu. Und am Ende des Termins heißt es: Wir brauchen noch mehr Daten. Das ist aber keine Datenfrage. Das ist Vermeidung – nur eben mit Excel-Tabelle.
Wenn ich genauer hinschaue, wissen die Beteiligten fast immer, worum es wirklich geht: der Konflikt, der nie ausgesprochen wird. Die Zuständigkeit, die niemand klären will, weil dann jemand Verantwortung tragen müsste. Die Entscheidung, die längst überfällig ist, aber unangenehm bleibt. Also wird noch eine Arbeitsgruppe gegründet. Noch eine Analyse in Auftrag gegeben. Noch einmal auf den „richtigen Moment“ gewartet – der bekanntlich nie kommt.
Das kostet Organisationen sehr viel. Nicht nur Zeit. Auch Energie, Glaubwürdigkeit, Vertrauen der Mitarbeitenden in die eigene Führung.
Aus arbeitspsychologischer Sicht kann ich es erklären, aber nicht entschuldigen: Entscheidungen berühren Rollen, Beziehungen, Machtverhältnisse. Deshalb fühlt sich „noch mehr wissen wollen“ sicherer an als „jetzt entscheiden müssen“. Nur löst es eben das Problem nicht – es verschiebt es. Meistens auf mich, wenn die Organisation irgendwann an genau diesem Punkt hängen bleibt.
Die Frage, die ich Führungsteams inzwischen stelle, ist nicht: Haben wir genug Informationen? Sondern: Welche Entscheidung vermeiden Sie hier gerade – und was würde es kosten, sie zu treffen?
Wenn Sie diese Frage gerade unangenehm finden, sind Sie vermutlich beim richtigen Thema.




